Femelle (ein Drehbuch) – Szene 1

Während schon das Firmenlogo eingeblendet wird, FADET bereits das Audio hoch. Wir hören schweres Atmen, schluchzen und Laufschritte.

1.1      EXT. STRASSE – NACHT

FADE IN

Mysteriöse, spannende Musik. Céline läuft entlang einer einsamen, verlassenen Strasse. Sie ist barfuss und trägt einen Stöckelschuh in der Hand. Ihre Kleidung ist sehr freizügig, aber auch sehr ramponiert. Ihre Strümpfe haben riesige Laufmaschen und ihr Gesicht ist verschmiert und vereint verwischtes Make-up, Tränen und Schmutz.

Sie schluchzt und ihr Gang ist trotz der schnellen Schritte unsicher.

Der Gehsteig ist nass und verregnet, doch Céline achtet nicht auf die Pfützen und durchquert sie mit ihren nackten Füßen.

1.2      EXT. DACH – NACHT
Wir blicken von einem Hausdach über die Straße. Céline kommt langsamen Schrittes ins Bild.

Wir sehen sie aus dem Profil, während sie vom Rand des Dachs die Stadt überblickt. Ihr Gesicht ist nun ruhig. Sie wischt sich die Tränen von den Wangen und sieht auf den Schuh in ihrer Hand. Wir sehen einen Gegenschuss der nächtlichen Großstadt. Wir hören leise Windgeräusch und entfernten Straßenverkehr, mit einer aufheulenden Sirene.

                           CÉLINE (OFF)
(Ihre Erzählerstimme ist brüchig, vorsichtig und sehr zurück-haltend, beinahe autistisch.)

“Das bin ich. Céline. Sie sehen mich am Ende meines Weges. Auf dem Boden des Abgrunds.”

Céline wirft den Stöckelschuh vom Dach herab. Der Schuh verschwindet in der Dunkelheit.

1.3.1    EXT./INT. CHRIS im AUTO – NACHT
Wir sehen Chris in seinem Wagen. Plötzlich schlägt etwas gegen seine Haube und prallt wieder ab.

                           CÉLINE (OFF)
“Und das ist Chris. Zu diesem Zeitpunkt kenne ich Chris noch nicht, aber das wird sich bald ändern.”

1.3.2    EXT. CHRIS an der Straße – NACHT
Wir sehen die Bremslichter von dem Wagen und das Auto hält an. Bedächtig und ohne Hast steigt Chris aus und zieht an seiner Zigarette.

Wir sehen den Schuh groß vor uns und können im Hintergrund die Gestalt von Chris sehen, der immer näher kommt. Er hebt den Stöckelschuh schließlich auf und blickt in die Richtung aus der er gekommen ist.

1.4      EXT. DACH – NACHT
Céline verschränkt ihre Arme um den Oberkörper. Hier auf dem Dach ist es kalt und der kühle Wind umschließt sie.

                           CÉLINE (OFF)
“Wenn eine Frau den Boden des Abgrunds erreichen will, gibt es 5 Schritte, 5 Fehler, die sie dabei beachten muss.”

Sie zieht aus der Tasche eine kleine Pocket-Kamera und hält sie mit ausgestreckten Armen vor sich. Sie photographiert sich selbst, ihr schmutziges, verheultes Gesicht.

                           CÉLINE (OFF)
“Der erste Schritt passiert meistens ganz von alleine. Noch bevor man sich umsieht, geht’s abwärts.”

1.5.     INT. CÉLINES AGONIE – diverse STILLS

Nun sehen wir eine Serie aus schwarzweißen Photos. Es sind alles Schnappschüsse und Momentaufnahmen. Die Photos stehen nicht ganz still, sondern haben im Film einen leichten Drift von Links nach Rechts, oder umgekehrt.

Photo Nr. 1:
Wir sehen Céline nackt, mit einem Umschnall-Dildo, in den Händen hält sie eine Kamera. Es ist offensichtlich ein Selbstaufnahme im Spiegel.

                           CÉLINE (OFF)
“Das bin wieder ich. Da ich ständig das Gefühl habe, nicht genug Aufmerksamkeit zu bekommen, dränge ich mich vor jeder Kamera…”

Photo Nr. 2:
Wir sehen einen jungen Mann, der sich vor der Kamera ganz cool gibt.

                           CÉLINE (OFF)
“Und das ist Thierry. Mein Freund. Nach einer Weile stellte sich heraus, dass Thierry es eher abturnt, der aktive Part zu sein.”

Photo Nr. 3:
Wir sehen nun Céline und Thierry in der „Wau-Wau“-Stellung, wobei Céline hintern mit ihrem Umschnall-Dildo kniet und einen übertrieben gelangweilten Gesichtsausdruck hat.

Photo Nr. 4:
Wir sehen Thierry, wie er etwas defensiv am Bettrand sitzt, raucht und Céline den Rücken zukehrt.

                           CÉLINE (OFF)
“Das ist Thierry nachdem ich ihm vorgeschlagen habe, mir mal auf den Hintern zu hauen.”

Photo Nr. 5:
Wir sehen Céline und Thierry, diesmal wieder angezogen, im Eingang eines Hauses. Thierry schüttelt dabei die Hand eines älteren Mannes, während Céline die Wange einer älteren Frau küsst.

                           CÉLINE (OFF)
“Das ist der Besuch bei meinen Eltern. Ich versuche das normalerweise zu vermeiden. Klappt aber nicht immer…”

Photo Nr. 6:
Wir sehen Céline in einem Bett. Sie schläft, ihr Arm ist zu Seite gestreckt. Die andere hälfte des Bettes ist leer. Plötzlich bewegt sich ihr Arm – es ist kein Photo, sondern laufender Film!

                           CÉLINE (OFF)
“Als ich in dieser Nacht aufwachte, war Thierry nicht neben mir…”

Photo Nr. 7:
Halb von einem Vorhang verdeckt, sehen wir zwei Körper. Die Photo-Serie wird jetzt deutlich schneller, fast wie ein Stop-Motion-Trick.

Photo Nr. 8:
Wir sehen nun auch die Hand der Fotografin, wie sie ins Bild kommt, um den Vorhang beiseite zu schieben. Wir sehen mehr von den beiden Gestalten, die offensichtlich nackt sind.

Photo Nr. 9:
Im nächsten Bild wird offensichtlich, dass es sich um Thierry (passiv) und Célines Vater (aktiv) handelt.

Photo Nr. 10:
Das „ertappte“ Photo. Die beiden reagieren auf die Kamera und wirken dabei, wie zwei erwischte Spitzenpolitiker.

Photo Nr. 11:
Wir sehen Célines Mutter. Sie sitzt da und weint. Ihr Gesicht ist kaum zu sehen.

                           CÉLINE (OFF)
“Vermutlich eine gute Gelegenheit, aus einer pikanten Situation Kapital zu schlagen, aber ich hatte keine Lust, meinen Vater zu erpressen.”

Photo Nr. 12:
Wir sehen durch die Scheibe eines Autos das Elternhaus.

                           CÉLINE (OFF)
“Ich wollte einfach nur weg von hier …”

Photo Nr. 13:
Wir sehen Céline und ein Mädchen, Kopf an Kopf bei einem lustigen Schnappschuss-Photo.

                           CÉLINE (OFF)
“Das ist Veronique, meine beste Freundin und die einzige, der ich mich mit einer solchen Schande anvertrauen würde.”

Photo Nr. 14:
Wir sehen vier ganz andere Mädchen auf einer Party, die alle ausgelassen lachen.

                           CÉLINE (OFF)
“Das hier sind Veroniques Freunde. Und ich habe keine Ahnung, woher sie von der Sache erfahren haben.”

Photo Nr. 15 (LETZES PHOTO in dieser SZENE):
Wir sehen nun eine sinnliche und zugleich traurige Aufnahme von Céline. Sie steht nackt vor dem Spiegel, ihre Kamera ist im Bild zu sehen – sie photographiert sich damit selbst. Über ihren Wangen laufen Tränen.

                           CÉLINE (OFF)
“Ich hatte es also schafft, dass mein Freund mich mit meinem eigenen Vater betrog und jede Tussi im Viertel davon erfuhr. Und als meine Eltern herausfanden, dass es durch mich jeder erfuhr – brachen sie jeglichen Kontakt zu mir ab. Ich hatte den ersten Schritt in Richtung Verderbnis virtuos gemeistert.”

FADE OUT

1.6.1    INT. CÉLINES WOHNUNG – DAS OUTFIT
Céline im CU. Sie steht vor ihrem Spiegel und schminkt sich die Augen. Sie trägt sehr geschmacklose und aufreizende Kleidung.

                           CÉLINE (OFF)
“Der zweite Fehler, den Sie machen müssen, besteht darin, sich wie eine Heroin-Nutte anzuziehen. Damit sie auch sicher gehen, dass sie niemand rettet, wenn der Tod nach Ihnen greift.”

Sie malt mit ihrem Lippenstift ihre Lippen an. Der Strich ist viel zu dick, die Farbe zu grell, zu nuttig. Sie richtet sich wieder auf und beobachtet sich.

                           CÉLINE (OFF)
“Vor 500 Jahren hätte ich in dieser Lage zwei Möglichkeiten zur Auswahl.”

1.6.2    INT. VOR 500 JAHREN – STILLS
Wir sehen blitzartig zwei schwarzweiße Photos nacheinander.

Photo 1:
Céline sitzt in der Badewanne, über ihren Armen sind die dunklen Gerinnsel des Blutes zu sehen. Das Wasser in der Wanne ist ganz trüb und zwischen den Fingern hält sie eine Rasierklinge.

                           CÉLINE (OFF)
“Selbstmord, oder…”

Photo 2:
Wir sehen Céline von vorne im CloseUp. Sie trägt einen dunklen Umhang und kniet auf dem Boden. Ihr Mund ist offen und die Zunge ausgestreckt. Die Hände sind auf der Brust gefaltet. Eine Hand ragt im Bild und platziert eine Hostie auf ihrer Zunge.

                           CÉLINE (OFF)
“…ins Kloster zu gehen.”

1.6.3    INT. CÉLINES WOHNUNG – DAS OUTFIT
Wir sehen wieder Céline vor dem Spiegel stehen. Sie schreibt mit dem Lippenstift das Wort SLUT hin und beobachtet es.

                           CÉLINE (OFF)
“Heute, im postmodernen Zeitalter ist es etwas von beidem. Frau geht hinaus und feiert als wäre es ihr letzter Tag.”

1.7.1.   INT. DISCO
Boom, boom, boom, boom. Die Musik schlägt ein, wie ein Gewitter. Wir sehen nun Céline in einem MediumShot, umgeben von anderen Menschen. Sie tanzt auf der Tanzfläche zu aggressiven Beats. Ihre Bewegungen sind lasziv, provokant, übertrieben. Sie tanzt wie eine Frau, die eine dicke Lippe riskiert.

                           CÉLINE (OFF)
“Der dritte Fehler, besteht darin, in das Lokal mit dem schlechtesten Ruf zu gehen und dort so lange den Körper anzubieten, bis sich der Abgrund öffnet und das Nichts auf einen zurück starrt.”

SloMo: Ihre Bewegungen verlangsamen sich.

FADE OVER

1.7.2    INT. BAR – DIE DROGE
Wir sehen das Super-CU von einem Longdrink. Eine männliche Hand schüttet gekonnt ein Pulver hinein. Die Kamera zoomt hektisch aus und zeigt den Rücken von Céline, die an der Bar steht und die Tanzfläche beobachtet. Sie fährt lasziv mit beiden Händen durch ihre Haare und dreht sich dann um, zu ihrem Drink. Ihr Körper ist noch benetzt mit Schweiß. Sie nimmt einen tiefen Schluck.

                           CÉLINE (OFF)
“Trink nur aus, Céline. Blicke nur hin, in den finsteren Abgrund. Das bist Du und Dein Leben. Abgefuckt, besoffen, stoned, kaputt. Wäre die Welt ein gerechter Ort, würde jeder Kerl in diesem Raum kurz über dich steigen.”

Das Bild verschwimmt und die beginnt langsam seitwärts zu rotieren.

FADE OVER

1.8.     EXT. DIE VERGEWALTIGUNG – NACHT
Die gesamte Szene ist nur in recht abstrakten, verschwommenen Bildern erkennbar.

Wir sehen Céline in einer dunklen Seitengasse spazieren. Überall liegt Müll. Ihre Schritte sind taumelnd und narkotisiert.

Sie wird zur Seite gestoßen und stürzt zwischen Müllsäcke. Zwei dunkle Gestalten fallen über sie her. Wir hören verzerrte, mit Echos und Hall angereicherte Stimmfetzen: “Halte sie fest.” – “Dann nimm du ihre Beine.” – ad lib.

Die meiste Zeit sehen wir die Szenerie mit Célines Augen – verschwommen und undeutlich. Die Köpfe der Kerle sind mehr wie Schatten, wie Silhouetten – verzerrt und unwirklich.

                           CÉLINE (OFF)
“Der vierte Fehler, den Sie absolvieren müssen, besteht darin, die Falle zuschnappen zu lassen. Der Teil ist einfach, denn hierbei haben sie wenig zu tun. Die Arbeit erledigen die Jäger…”

Währenddessen sehen wir ein Super-CloseUp von Célines Gesicht. Ihre Augen sind starr, als wäre sie in Wirklichkeit nicht hier. Als würde sie die Vergewaltigung gar nicht wahrnehmen. Aus ihrem Mundwinkel fließt ein kleines Rinnsal aus Speichel.

Die Kamera zoomt nun aus einer Vogelperspektive, bis in die vollständige, verschwommene Totale. Wie sehen die drei Männer immer kleiner inmitten der Dunkelheit über der liegenden Frau.

FADE OUT

1.9.     EXT. DAS DACH – NACHT
Wir sind wieder zurück auf dem Dach. Céline blickt noch immer auf die Stadt.

                           CÉLINE (OFF)
“Der fünfte und letzte Schritt ist der notwendige Abschluss Ihrer Reise. Sie müssen in sich gehen und erkennen, dass es nichts an Ihrem Schicksal gibt, das Sie nicht verdient hätten. Und dann müssen Sie entscheiden, welche Konsequenz Sie daraus ziehen.”

Wir sehen nun ein CU ihrer nackten, schmutzigen Füße. Der eine Fuß hebt sich hoch und steigt auf die Brüstung. Der andere Fuß folgt.

Wir sehen nun die Totale von Céline, am Rande des Abgrunds stehend.

Wir sehen sie nun von vorne, tief Luft in ihre Lungen holen. Sie wirkt bereit.

Plötzlich taucht direkt neben ihr eine Gestalt auf. Es geschieht schlagartig und doch mit einer katzenhaften Leichtigkeit.

CU: Céline und Chris stehen nun nebeneinander. Sie sieht ihn an. Ihre Augen weiten sich, denn allem zum trotz ist sie überrascht.

Chris’ Gesicht ist ernst und doch gibt es an seinen Lippen etwas wie ein Lächeln.

Plötzlich hören wir ein charakteristischen Klicken von Handschellen.

Wie in einem Traum hebt Céline ihren linken Arm hoch und starrt auf die Handschellen, die sie nun an Chris’ rechtes Handgelenk binden.

                           CÉLINE (OFF)
“Erreichen Sie diesen Punkt, diesen Zustand, passieren ab dem Augenblick nur noch seltsame, wundersame Dinge. Und nichts, rein gar nichts wird so, wie es mal war.”

(TO BE CONTINUED)

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